Organisieren ohne Organisationen
Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko regiert sein Land mit eiserner Faust. Oppositionelle werden systematisch drangsaliert, Proteste gegen die Regierung sind nicht zugelassen. Nachdem Tausende im März 2006 auf dem Minsker Oktoberplatz gegen Wahlbetrug demonstrierten, sind dort jegliche Menschenansammlungen pauschal verboten.
Umso mehr verunsicherte es die Regierung, als im Oktober des gleichen Jahres plötzlich zahlreiche Bürger auf dem Oktoberplatz auftauchten, um gemeinsam in aller Öffentlichkeit Eis zu essen. Es gab keine Ansprache, keine Plakate, keinen Marsch - nur Dutzende von Jugendlichen mit Eis am Stiel und in der Waffel. Lukaschenkos Regierung fühlte sich von der ungewöhnlichen Protestform trotzdem derart provoziert, dass schwarz gekleidete Sicherheitskräfte die Eis essenden Jugendlichen vom Platz zerrten.
Organisiert worden war die Aktion über SMS-Nachrichten und Blogs, die umgehend Fotos der Geschehnisse veröffentlichten. Der New Yorker Medientheoretiker Clay Shirky hält dies für ein Paradebeispiel dafür, wie soziale Online-Medien für politische Proteste genutzt werden können. "Es gibt kein besseres Zeichen für eine Diktatur als Polizisten, die Leute für das Essen von Eiscreme verhaften", so Shirky.
Blogger haben kein Millionenpublikum
Shirky ist Autor des Buchs "Here Comes Everybody – The Power Of Organizing Without Organizations", das kürzlich bei Penguin Press erschienen ist. In dem Buch räumt er mit dem Vorurteil auf, dass im Internet eine Art neues Massenmedium entsteht. Die meisten Blogger schreiben ihre Texte nicht für Millionen von Lesern, sondern nur für ein paar Bekannte.
Trotzdem vollzieht sich laut Shirky derzeit eine Medienrevolution, die der Erfindung der Druckerpresse oder des Radios ebenbürtig ist. Im Mittelpunkt steht dabei seiner Meinung nach allerdings nicht die Neuerfindung alter Medien, sondern die Möglichkeit, sich online mit Gleichgesinnten zu koordinieren. "Eine Gesellschaft mit Internet ist eine andere Gesellschaft als eine Gesellschaft ohne Internet", ist sich Shirky sicher.
Am Anfang steht die Unterhaltung
Politische Aktionen wie die Demonstrationen in Minsk stellen dabei bisher noch die Ausnahme dar. Die meisten Netznutzer tauschen sich online zu Hobbys und Ähnlichem aus. "In einer freien Gesellschaft werden neue Kommunikationsmittel meist zur Unterhaltung genutzt", glaubt Shirky. In Zukunft werde Online-Kollaboration jedoch auch im Westen immer häufiger zu Offline-Aktionismus führen.
Text: Janko Röttgers
Freitag, 12. September 2008
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