Dienstag, 9. September 2008

Deus ex Internet

ndreas Grote
Deus ex Internet
Die deutschen Kirchen drängen ins Internet

Menschenfischer sollen sie sein, die Jünger Jesu Christi. Doch die Worte von der Kanzel verhallen heute zumeist über den leeren Bänken der Gotteshäuser. Alternativ werfen die großen Religionsgemeinschaften Online-Netze aus. Doch um ihre sozialen Dienstleistungen auch im Netz anbieten zu können, fehlen Personal und Geld. Bahnen sich statt dessen im Internet Entwicklungen zu einem religiösen Supermarkt an?

`Das Netz ist eine alte Metapher der christlichen Überlieferung´, erklärt Hans Norbert Janowski. `Am Anfang der Geschichte der Ausbreitung des christlichen Glaubens standen ein Wanderprojekt und Fischer, die Gruppe wurde zu Menschenfischern, Kommunikation unterwegs zum Prinzip einer Vernetzung, die auf Bildung einer Gemeinschaft in der Gesellschaft zielte.´

Der Direktor des Gemeinschaftswerkes Evangelischer Publizistik (GEP) sieht das Netz als Verbindungsknoten zwischen Kirche und Internet. Denn viele potentielle Hörer des christlichen Wortes sitzen nicht mehr unter der Kanzel im Gottesdienst, sondern lassen sich allenfalls noch über die Medien erreichen.

Seit 1995 die ersten katholischen und evangelischen Websites im Netz auftauchten, haben die Kirchen in Deutschland das Internet als Medium für sich entdeckt. Neben aktuellen Informationen aus den Landeskirchen, Akademien, theologischen Fakultäten, Vereinen, Verbänden, Fortbildungsstätten und Gemeinden werden auch christliche Inhalte wie Predigten, Andachten, Platz für Gebetsanliegen, die Zehn Gebote, das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis und diverse Bibelausgaben angeboten. Darüber hinaus finden sich im Web auch Kontaktmöglichkeiten zu verschiedenen kirchlichen Stellen, ein interaktives Angebot zur Seelsorge und zu Diskussionsforen.

Doch die neuen Telekommunikationsmedien stellen für die Institution Kirche eine strukturelle und substantiell neue Herausforderung dar. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie sich der christliche Glauben durch seine Verkündigung in interaktiven Medien verändern wird. So haben sich bereits einzelne Cyberchurches gebildet, vorrangig im englischsprachigen Raum, bei denen es sich um christliche Gemeinden handelt, die es nur im Internet gibt.

`Es scheint der Tag nicht fern, an dem die Menschen nur noch einer virtuellen Kirche oder Gemeinschaft angehören und nicht mehr physisch am Leben einer Ortsgemeinde teilnehmen´, erwartet Dr. Matthias Schnell, Mitherausgeber des gerade im GEP erschienenen Buches `Cyberchurches - Kirchen im Internet´. `Der Gottesdienst wird dann in einen virtuellen Raum verlegt, bei dem die Teilnehmer per Datenleitung und Videokonferenz miteinander verbunden sind.´ Für den Theologen und Leiter der Arbeitsstelle `Internet´ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Frankfurt am Main meldet sich durch das Internet ein Epochenwandel an, der für die Religionen eine ähnliche Bedeutung hat wie die Einführung der Schrift oder die Verbreitung des Buchdrucks.
Epochenwandel

Schaut man sich aber in den Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen um, so scheint es, als ob die Kirchen nur unzureichend für die medialen Veränderungen in unserer Gesellschaft gerüstet sind. `In Kirchenkreisen tendiert man gern dazu, eine angeblich kalte, abstrakte und in eng gefaßter unbeweglicher Logik gefangene Technik abzulehnen´, resümiert Urs Meier, reformierter Theologe des Evangelischen Mediendienstes in der Schweiz. Die deutsche katholische und evangelische Kirche verfolgen daher das Konzept, qualifizierte Angebote im Bereich von Multimedia und Internet zu entwickeln und zu fördern. Dem User muß die publizistische Aufmerksamkeit gelten, wenn die Kirche nicht bei sich selbst bleiben will. Dabei ist klar, daß `nicht die Übertragungstechniken die entscheidenden Herausforderungen sind, sondern die Inhalte und der Umgang mit der Vielfalt´.

Aufgrund des undurchschaubaren Internet werden die Kirchen dabei darauf achten müssen, daß sie in der Fülle der fast unendlichen Angebote auffindbar und mit eigenem Profil erkennbar bleiben. `Außerdem dürfen sie nicht nur Angebote für diejenigen entwickeln, die der Kirche ohnehin nahestehen´, fordert Schnell.

Dafür muß die Kirche ihre Inhalte in ein neues Format bringen. `Das Internet braucht kurze, prägnante, pointierte, leicht erfaßbare Textstücke, die aus sich heraus den Leser ansprechen, und keine langen Texte, die kein Mensch am Bildschirm liest´, sagt Schnell. Und er fordert unter anderem ein kirchliches Online-Magazin, das diesen Anforderungen gerecht wird und in Verbindung mit anderen Medien (Rundfunk, Fernsehen, Print) in der Gesellschaft umstrittene Themen aufgreift, Beratung und Lebenshilfe anbietet und Diskussionen initiiert.

Allerdings beschränken sich derzeit noch die meisten christlichen Internet-Angebote, `etwas alibihaft´, so Schnell, auf elektronische Ausgaben kirchlicher Printpublizistik. `Nachrichten, Zeitschriftenartikel, Selbstdarstellungen, Andachten und Predigten - Texte, die ohnehin produziert werden, landen meist unverändert auf den Web-Servern´, kritisiert Schnell. `Manchmal kann man froh sein, wenn wenigstens die Nachricht unter der Rubrik ´Aktuelles´ nicht völlig veraltet ist.´
Personal aufstocken

Dabei wäre eine konzeptionelle Weiterentwicklung der Inhalte sehr wichtig, denn nur wer sich ständig etwas Neues einfallen läßt, wird von Usern und der Presse überhaupt noch wahrgenommen. `Die reine Präsenz im Internet ist keine Nachricht mehr wert.´

Am stärksten kritisiert wird, daß es oft am Nachdenken über die Gestaltung eines attraktiven Angebotes mangelt. Der Grund dafür ist nicht etwa die Einfallslosigkeit der Betreuer, sondern das fehlende Personal. Die Pflege der Datenbestände auf dem Server muß meistens eine Dienststelle nebenbei erledigen, `und mit zwei Stunden Arbeitsaufwand in der Woche läßt sich kein attraktives Angebot im Internet inszenieren.´ Matthias Schnell sieht daher das Hauptproblem bei fast allen kirchlichen Internet-Angeboten darin, `daß in einem ersten Kraftakt die Internet-Präsenz realisiert wird, dann aber keine organisatorischen Strukturen aufgebaut werden, um das Angebot auch weiterhin aktuell zu halten.´ Veranstaltungen wie der von der Evangelische Kirche in Deutschland jährlich inszenierte WebFish-Wettbewerb, der Web-Seiten mit guten kirchlichen Inhalten auszeichnet, sind nur ein Beispiel, Interesse zu wecken.
Knüpfen und Pflegen

Langfristig besteht die Gefahr, daß die Kirchen den Anschluß an die Entwicklungen der digitalen Revolution verpassen und unter dem wirtschaftlichen Druck ihre Chancen einbüßen. Für das große Thema der Gemeindearbeit, so Pfarrer Werner Görlitz aus Remscheid, nämlich das Knüpfen und Pflegen von Kontakten, biete das Internet große Chancen, die nicht leichtfertig verspielt werden sollten. `Insgesamt könnte aber auch die Verwaltung der Gemeinden und anderer kirchlicher Einrichtungen erheblich effektiver und kostengünstiger abgewickelt werden´, hat Schnell errechnet.

Personelle Verstärkung ist aber deswegen nötig, weil das Internet nicht so sehr als Informations-, sondern mehr als Kommunikationsmedium gefragt ist. Besonders bei den Beratungs- und Seelsorgestellen erfordert dies eine massive Aufstockung des Personals. `Wer ein Kommunikationsangebot im Internet macht, der muß sicherstellen, daß die eingehenden Mails auch beantwortet werden´, mahnt Schnell. Einem suizidgefährdeten User muß sofort geholfen und ein lokaler Ansprechpartner vermittelt werden, und nicht erst dann, wenn der Seelsorger aus dem Urlaub zurück ist. Aus diesem Grund ist das Internet nicht geeignet, in Notsituationen wirksam zu helfen. `Doch für Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit oder anderen Behinderungen tun sich da Welten auf´, erklärt Jakob Vetsch-Thalmann, evangelischer Pfarrer in Zürich-Matthäus und Initiator der Internet-Seelsorge.

`Auch wer Diskussionsforen einrichtet, der muß dafür sorgen, daß kompetente Gesprächspartner sich daran beteiligen.´ In diesen Bereichen bedarf es einer personellen Verstärkung und somit zusätzlicher Mittel und Ressourcen. `ZDF, Spiegel und Focus beschäftigen mittlerweile 30 und mehr Leute in ihren Online-Redaktionen. In der evangelischen Kirche kann man diejenigen, die sich hauptberuflich mit dem Internet beschäftigen, immer noch an einer Hand abzählen´, kritisiert Schnell.

Das Geld dafür wäre da, `doch es wird in die unrentablen und längst überholten Rechenzentren der Kirche hineingesteckt´, erklärt Schnell am Beispiel der evangelischen Kirche. Angesichts des anhaltenden Mitgliederschwundes wird zusätzliches Geld nur schwer zu besorgen sein. Kirchliche Produktionsgesellschaften sollen nach Meinung Schnells solche Projekte professionell abwickeln. Ein Investitionsaufwand im sechsstelligen Bereich wäre hier nötig.
Baukastenreligion

Während aber katholische und evangelische Kirche das Internet dazu benutzen, um ihre Dienstleistungen anzubieten, gebrauchen andere das Web als Profilierungsbühne. `Das Internet bietet religiösen Erfindern die Möglichkeit, aus dem Baukasten der religiösen Geschichte der Menschheit durch Kombination von verschiedenen Elementen eine eigene Religion zu konstruieren und Anhänger dafür zu werben - je abwegiger, desto auffälliger´, warnt daher auch Hans Norbert Janowski vor einem religiösen Supermarkt. Für Urs Meier kann die Cyberchurch deshalb auch nicht wahrhaftig sein, denn sie ist eher ein Dienstleister, der mit theologischer, geistlicher, seelsorgerlicher, gottesdienstlicher und sozialer Substanz der Kirche wenig zu tun hat.

Doch welche Götter sich hinter einer Internet-Adresse verbergen und zum Beispiel ihre heilbringende Seelsorge anbieten, wird im WWW selbst oft nicht deutlich. `Sekten zum Beispiel könnten unter der Tarnadresse einer Kirchengemeinde Seelsorge anbieten und die Daten dann für eine gezielte Mitgliederbetreuung einsetzen oder die Menschen an eine ihrer Institutionen weitervermitteln´, erklärt Schnell. Darum muß es völlig und unzweideutig klar sein, wer sich hinter einem solchen Angebot verbirgt.

Urs Meier sieht zudem verstärkt die Gefahr, daß sich die Kirchen, indem sie versuchen, sich mit allen Mitteln an die Marktideologien der Gegenwart anzupassen - um nicht den Anschluß an die Gesellschaft zu verlieren -, so sehr auf das religiöse Marktangebot reduzieren, daß sie schließlich zu reinen Cyberchurches mutieren könnten.
Virtuelle Grabpflege

Schließlich hat die Cyberchurch für viele auch ihre Grenzen. `EMails können kein persönliches Gespräch ersetzen; ich möchte auch nicht vor einem PC heiraten oder mein Kind vor einem Bildschirm taufen lassen´, meint Melanie Graffam-Minkus, Gemeindepfarrerin in Ottobrunn und seit 1995 Online-Pfarrerin für die Bayerische Landeskirche. `Das Singen, das Schweigen, das Lächeln, der Geruch, das zufällige Gespräch, die überraschende Begegnung, die Sinnlichkeit des Segens - das alles bleibt auf der Strecke.´

Angesichts einer extremen Angebot/Nachfrage-Philosophie bringt das Internet dann auch recht skurrile, für überzeugte Christen durchaus verwerfliche Dienstleistungen hervor. Wer seine Trauer mit den Millionen anderer Internet-User teilen will, der kann für Verstorbene unter www.hall-of-memory.de eine virtuelle Gedenkstätte ins Netz stellen. `Jeder kann Verstorbene durch einen Nachruf ehren, wie ihn sonst nur Promis bekommen´, sagt der Erfinder dieser Dienstleistung, Jürgen Schmikowski von der Frankfurter PR-Agentur MKS. Knapp 400 Mark für 30 Jahre muß der Hinterbliebene für ein bißchen Text vor einem Hintergrundmotiv bezahlen. Fast 1700 Mark kostet die Variante mit Bild des Verstorbenen, mit Videosequenzen und vertont muß man 10 000 Mark hinblättern - mehr als für ein reales Grab auf dem Friedhof. Ein Grablicht zum Geburtstag (für 45 Mark) oder ein Kranz zum Totensonntag gehören dann zu den laufenden Kosten der virtuellen Grabpflege. `Ab Oktober sind wir via Internet bei Trauerfeiern dabei´, erklärt Jürgen Schmikowski, `und zwar live.´

Gleichwohl findet Schnell `die Erfahrungen der Kirche in den vergangenen Jahren mit dem Internet sehr vielversprechend´. Besonders in Sachen Seelsorge, Jugendarbeit, Beratung und Verkündigung. Doch es wird von den Ideen und der personellen Ausstattung abhängen, ob die kirchlichen Internet-Angebote nur zu einem Nischenangebot für einige wenige werden oder ob die Kirche auch ihr fernstehende Menschen erreichen kann. (ae)
Literatur

[1] Matthias Schnell, Manfred Nethöfel, Cyberchurches - Kirchen im Internet, Gemeinschaftswerk Evangelischer Publizistik, 1998, ISBN 3-932194-11-X

[2] Luxus-Grab im Internet, BILD Frankfurt, 20. Mai 1998

[3] www.kirchen.de

[4] www.seelsorge.net

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Weltmission ist nicht unser Ziel

c't sprach mit Matthias Schnell, Theologe und Leiter der Arbeitsstelle `Internet´ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Frankfurt am Main, über die Möglichkeiten, die das Internet den Kirchen bietet.

c't: Herr Schnell, wo sehen Sie die Hauptaufgabe der Kirchen im Netz?

Schnell: Es gibt zwei wesentliche Aufgabengebiete: Zum einen eine Art Intranet, um alle innerkirchlichen Verwaltungsaufgaben zu optimieren. Zum anderen, um über das Internet Informationen zur verbreiten und Kommunikationsmöglichkeiten wie Beratung in Glaubensfragen und Seelsorge und Schuldnerberatung über EMail zu nutzen und so für die Menschen dasein zu können.

c't: Glauben Sie wirklich, daß sich mit der Internet-Präsenz der Mitgliederschwund der Kirchen aufhalten läßt?

Schnell: Die Leute, die ohnehin nichts von Kirche und Glauben halten, werden Sie auch per Internet nicht zurückbekommen. Wir wollen vielmehr den Service-Charakter der Kirche über das Internet stärken, so daß auch derjenige, der nicht in die Kirche geht und auch sonst nicht viel mit Kirche am Hut hat, sagt: Die Kirche bringt mir was.

c't: Was halten Sie von der Beichte im Internet?

Schnell: Sowohl die Software als auch das Internet-Angebot kann man vergessen, da es kein offizielles Angebot der katholischen Kirche ist. Ich sehe das daher schlichtweg als Jux. Stellen Sie sich vor: Wer seine Tochter vergewaltigt hat und dann von dem Programm gesagt bekommt, er solle zwei Ave-Maria beten - das kann man einfach nicht ernst nehmen. Etwas anderes ist ein Beichtgespräch über verschlüsselte EMails mit der kirchlichen Internet-Seelsorge. Die Absolution kann jedoch zur Zeit nur persönlich durch einen Pfarrer gegeben werden. Möglicherweise wird sich das aber irgendwann ändern.

c't: Wie groß ist die Gefahr, daß Sekten über das Internet neue Mitglieder werben?

Schnell: Sehr groß, denn natürlich sind die auch alle im Netz. Mir ist beispielsweise bekannt, daß Scientology vorwiegend über Tarnorganisationen an neue Mitglieder herankommt, denn direkt zu Scientology kommt wohl kaum einer übers Netz. Tarnadressen sind überhaupt ein Problem im Internet. Wer sich zum Beispiel hinter der aussagekräftigen Adresse `www.pfarrer.de´ verbirgt, weiß niemand.

c't: Ist das Internet nur ein modernes Missions-Werkzeug?

Schnell: Nein. Wir haben vorrangig die deutschsprachigen User im Blick und die europäische Vernetzung der Kirchen. Natürlich gibt es auch Kontakte zu Partnerkirchen in der Dritten Welt, aber die dienen vorrangig der Unterstützung. Weltmission im großen Stil, wie beispielsweise in den USA betrieben, ist nicht unser Ziel.

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