Sie haben bei der Verleihung des Landeslehrpreises in einem Vortrag eindrucksvoll dargelegt, wie sich religiöse Inhalte im weitesten Sinn explosionsartig im Internet verbreiten. Die "Suchmaschinen" ermittelten 48 nachweisbare Vorkommen für Homepages mit dem Begriff "religion" im Jahr 1991 und mehr als 6,5 Millionen im Dezember 2000. Den tradierten Kirchen bleiben die Gläubigen weg – und im Internet explodiert neue Frömmigkeit?
Ahn: Die Statistik der sich inzwischen über gut zehn Jahre erstreckenden Geschichte des Internet belegt tatsächlich für den Sektor "Religion" eine regelrechte Sensationsstory. Auch wenn es sich dabei sicherlich nicht in allen Fällen um Seiten mit religiösem Inhalt handelt, belegen die exponentiell angestiegenen Zuwachsraten doch, dass das Internet sich inzwischen als eine ernst zu nehmende Plattform für zeitgenössische religiöse Selbstdarstellungen etabliert hat.
Jeder Anbieter kann im Netz seine individuellen religiösen Ansichten präsentieren und dafür Werbung betreiben. Wie werten Sie die verwirrende Vielfalt voneinander abweichender religiöser Inhalte im Netz?
Ahn: De facto ist dadurch ein Markt eröffnet worden, auf dem viele neue heterodoxe Positionen gleichberechtigt neben die "Orthodoxien" der wenigen großen religiösen Traditionen und Institutionen getreten sind. Hier finden sich ebenso muslimische Frauenorganisationen wie Christen, die an Reinkarnation glauben und mit Hilfe von Astrologie ihre Zukunft zu bestimmen suchen. Dennoch führt das Internet keineswegs zu einer endgültigen Fragmentarisierung und Atomisierung von Religionsgeschichte im Individuellen. Es ist vielmehr bemerkenswert, dass sich neben neuen religiösen Bewegungen, die sich nach klassischen Mustern mit hierarchischer Struktur und Traditionsbildung formieren – zum Beispiel die Rael-Gemeinschaft -, auch losere, diffuse Zusammenschlüsse neuer Verbände beobachten lassen. Sie generieren auf ihre Weise auch eine neue Form von Orthodoxie! Der Zusammenschluss von mehreren Hundert einzelnen Homepages in "The Witches Web" ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung, oder der "Rabenclan. Arbeitskreis der Heiden in Deutschland e.V.".
Moon Glade
Im Laufe der Geschichte der Religionswissenschaft wurden die Konzepte, nach denen man Religionsgeschichte zu betreiben versuchte, mehrfach grundlegend transformiert. Gibt es nun durch das Internet eine neue Form von Religionsgeschichte?
Ahn: Ja. Wenn man die Ausgangspunkte der disziplingeschichtlichen Entwicklung mit aktuellen Konzepten von Religionsgeschichte vergleicht, so kann man nahezu kontradiktorische Modelle diagnostizieren: Während die Gründungsväter der Religionswissenschaft noch an Entwürfen interessiert waren, die Aussagen über die gesamte Menschheitsgeschichte zuließen, sind moderne, differenziertere Untersuchungshorizonte auf die Analyse einzelner lokal und zeitlich begrenzter Konstellationen ausgerichtet. Mit dem Internet hat sich diese Entwicklung nochmals zugespitzt. Gegenüber den klassischen, Orthodoxie generierenden Institutionen, deren Zeugnisse über weite Strecken der Religionsgeschichte die einzigen überlieferten oder doch zumindest die wichtigsten wahrgenommenen Quellen bildeten, gegenüber diesen Institutionen hat sich im Internet die Vielzahl technisch gleichberechtigter individueller Meinungsäußerungen durchgesetzt. Der religionshistorische Befund an simultanen, aber divergierenden Quellen zu ein und derselben Religion hat sich schlagartig potenziert.
Witches' Web
Eine konstante Orthodoxie ist damit noch viel stärker als bisher Fiktion geworden?
Ahn: Das Internet führt tatsächlich ein methodisches Dilemma der traditionellen Religionsgeschichtsschreibung eindrucksvoll vor Augen: Die Orientierung an einer Fiktion von relativ konstanter und flächendeckender Orthodoxie oder Orthopraxie, deren Verwirklichung im Alltagsleben sich jedoch häufig als unerreichbares Ideal traditionsorientierter Theologien entpuppte. Das Internet erscheint demgegenüber geradezu als ein Pool potenzieller Heterodoxie.
Was waren die ersten religiösen Inhalte, auf die Sie stießen? Und: Handelte es sich um einzelne Esoteriker in den USA oder konnten Sie auch in Deutschland okkulte Inhalte im Internet finden?
Ahn: Zu den frühesten Belegen für religiöse Seiten im Netz – vom 8. Januar 1991 – zählt ein von Hans W. Nitzel verfasster und bereits in der Zeitschrift "Fate" zuvor veröffentlichter Artikel mit dem Titel "Alchemy is alive and well". Gerade die damalige Esoterik-Okkultismus-Paganismus-Szene scheint die Möglichkeiten des Internet schon sehr früh erkannt zu haben. Am 2. Mai 1991 wurde die unkommentierte Ausgabe eines Textes von Aleister Crowley ins Netz gestellt – in nicht-proportionaler Schrift, auf grauem Hintergrund und noch ohne besondere graphische Stilelemente, wenn man von einigen durch wiederholte Gleichheitszeichen angedeuteten Trennlinien absieht. Am 16. September folgte auf demselben Server ein diesmal kommentierter Text des Crowley-Biographen Frater U.'D.', ein Pseudonym, das der Begleittext als "Ubique Daemon – Ubique Deus" auflöst. Zugleich wird der Autor in einer ausführlichen Einleitung zum Text als "Germany's most prolific contemporary writer on magical topics" vorgestellt.
Sicher hat es bald erste christliche Gegenreaktionen auf die frühen Okkultismus-Seiten gegeben...
Ahn: Ja, sie folgten bemerkenswerterweise sehr schnell. Am 1. Januar 1992 stellte David J. Geauvreau, der sich als Autor einer Organisation namens Christian Research Institute ausgab, auf einem allerdings privaten Server eine Bücherliste zu außerchristlichen religiösen Bewegungen ins Netz. Abschließend kommentierte er den Zweck dieser Liste mit dem Hinweis darauf, dass einer anderen Studie zufolge 78 Prozent der so genannten "Sektenmitglieder" früher Kirchgänger gewesen seien, und gipfelt in dem dringlichen Aufruf, die christliche Wahrheit den Menschen zu vermitteln, bevor es zu spät sei. Religionshistorisch ist diese Reaktion vor allem deshalb bemerkenswert, weil die christlichen Kirchen erst viel später kamen...
Ihre Studien zeigen, dass sich der Vatikan ebenso wie die Evangelische Kirche in Deutschland erst sehr spät mit dem neuen Medium anfreundete...
Ahn: ... die christlichen Kirchen sind als Organisationen erst seit Ende 1997 im Netz vertreten.
Sonntag, 14. September 2008
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1 Kommentar:
Esoteriker vs. Christen
Vatikan
http://www.vatican.va/phome_ge.htm
EKD
http://www.ekd.de/christus-pavillon/web/index.html
Raelisten
http://www.rael.org/int/french/philosophy/messages/body_messages2.html
http://www.rael.org/~raelnet/somde.html
Witches' Web
http://www2.witchesweb.com/
Rabenclan
http://www.rabenclan.de
The Wiccan Ring
http://www.geocities.com/Athens/Delphi/3379/wicca_ring.html
Zoroastrischer Cyber-Temple
http://www.zarathushtra.com/
Vampire
http://www.paranormal.de
Temple of the Vampire
http://home.netcom.com/~temple/member.html
http://home.netcom.com/~temple/bible.html
Vampire
http://www.maths.tcd.ie/pub/vampire/tree.html
http://www.bastei.de/vampira/rachaela.htm
http://www.annerice.com/
"Frater U.D."
http://ftp.funet.fi/pub/doc/occult/chaos/misc/letter1.txt
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