Falter: Was ist der Unterschied zwischen Ihrer eigenen investigativen Plattform helpmeinvestigate.com und Wikileaks?
Paul Bradshaw: Verglichen mit der extrem ausgefeilten Technologie von Wikileaks haben wir ein simples, um nicht zu sagen primitives Produkt. Wikileaks hat viel Energie und Know-how investiert, um sich so aufzustellen, dass es von der Judikatur eines einzelnen Staates nicht mehr erfassbar ist. Zum anderen hat es Wege gefunden, Whistleblower auf optimale Weise zu schützen. So gut geht es uns bei „Helpmeinvestigate“ nicht: Wir sind natürlich an das britische Recht gebunden. Wenn uns einer für etwas, was auf unserem Blog steht, klagt, stehen wir vor Gericht. Der andere Unterschied ist die internationale Ausrichtung. Wikileaks wird inzwischen von Informanten aus der ganzen Welt gespeist. Wenn Sie sich die Seite ansehen, finden Sie dort das Video über den US-Kampfhubschraubereinsatz gegen Zivilisten, das unter dem Titel „Collateral Murder“ bekannt wurde, aber auch Berichte über die Finanzgebarung der britischen Scientology-Kirche oder die E-Mail-Korrespondenz von Klimaforschern. Einige besonders brisante Themen pickt Wikileaks heraus, um sie aufzubereiten. So wie eben jetzt bei den Afghanistan-Protokollen.
Handelt es sich bei Wikileaks um so etwas wie die Neuerfindung des Journalismus, oder kommt der alte investigative Journalismus nur im neuen Gewand daher?
Bradshaw: Ich würde sagen: Zweiteres. Es ist ein moralischer Journalismus mit einer gewissen pazifistischen Agenda, ohne kommerzielle oder politische Zwänge. Das hat es schon davor gegeben. Weil sich das Ganze im Internet abspielt, ist man nicht an räumliche Zwänge wie in einer Tageszeitung gebunden. Man kann die Rohmaterialien veröffentlichen und die Öffentlichkeit an der Sichtung dieser Materialien teilhaben lassen. Auch das gab es schon in der Vergangenheit. Aber die technisch perfekte Umsetzung ist definitiv etwas, was so noch nicht da war. Bemerkenswert ist natürlich die Person von Wikileaks-Gründer Julian Assange, der nicht nur besessen ist von dieser Idee, sondern der auch die nötigen technischen Fähigkeiten mitbrachte, so etwas zu schaffen.
Wikileaks gibt es seit dreieinhalb Jahren. Warum ist das öffentliche Interesse erst jetzt so groß?
Bradshaw: Ich würde meinen, das liegt an der Kooperation, die Julian Assange mit Guardian, New York Times und Spiegel eingegangen ist. Es ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Assange hat kalkuliert, dass Medien wesentlich mehr Interesse entwickeln, wenn er ihnen ein exklusives Vorabdruckrecht einräumt oder Zeit gibt, das Thema aufzubereiten. Diese Kalkulation ist letztlich aufgegangen.
Einerseits lässt Wikileaks traditionelle Medien alt aussehen, andererseits griff Assange für seinen jüngsten Scoop auf eben diese traditionellen Medien zurück. Warum?
Bradshaw: Ich glaube, dass es eine programmatische Entscheidung war. Assange hat eine technische Lösung für ein Problem gefunden. Aber die Frage der Distribution hat er noch nicht gelöst. Wikileaks war zwar unter Bloggern, Internet-Geeks und einigen Experten bekannt, es hatte aber kein Mainstreampublikum. Genau darüber verfügen große Nachrichtenorganisationen. Wikileaks ist die Kooperation eingegangen, um deren Leserschaft direkt anzusprechen. Natürlich auch um diese gewaltige Informationsmenge aufzubereiten. Die Berichte der Soldaten, um die es sich bei den 92.000 Akten ja handelt, sind Informationen, die Journalisten in dieser Form zuvor selten zu bearbeiten hatten. Damit muss man sich einige Zeit lang auseinandersetzen, da muss man Experten finden und bezahlen, die sich mit so etwas auskennen. Erst dann kann man etwas Sinnvolles herauslesen. Auch wenn es darum geht, diese Protokolle in Geschichten zu gießen, sind Qualitätsmedien die richtige Anlaufstelle: Das ist deren Geschäft und deren Stärke.
Bitte erklären Sie uns, wie das Verhältnis zwischen neuen journalistischen Plattformen wie Wikileaks und traditionellen Medien in Zukunft aussehen wird: Wird es Kooperation sein? Wird es Konkurrenz sein? Werden die einen die anderen verdrängen?
Bradshaw: Was wir jetzt beobachten konnten, eignet sich durchaus als Modell für die Zukunft. Vor allem bei großen journalistischen Projekten, die international bedeutsame Themen berühren, werden Onlinemedien und Nachrichtenorganisationen zusammenarbeiten. Während Wikileaks den Vorteil hat, international und weitgehend ohne rechtliche Schranken zu operieren, versorgen Qualitätsmedien ihre Kunden mit schön portionierten und fein zubereiteten Informationshappen. Ich glaube, die traditionellen Medienhäuser beginnen langsam zu verstehen, dass sie nicht die Einzigen auf dem Markt sind. Sie müssen sich an die neuen Verhältnisse anpassen.
Samstag, 7. August 2010
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