Ebenso politisch ist der Auftritt des Islams im modernen Europa selbst. Er wird getragen von Masseneinwanderung, gefördert von saudischem Öl-Geld und ist umgeben von einem radikalen bis terroristischen Rand. Was stattfindet, sind Kampfszenen einer historisch neuartigen Völkerwanderungszeit, die man nicht einfach mit Toleranz und Kulturdialog im Geiste von Lessings Nathan oder Goethes West-östlichem Divan befrieden kann. In den Augen vieler ist der Islam nicht bloß eine Religion, sondern eine den gesamten Menschen prägende, in die ganze Gesellschaft eingreifende Lebensform, deren Verträglichkeit mit den Normen des modernen Europa nicht erwiesen ist.
Trotzdem ist die Religion der Kern, das Herz der Auseinandersetzung. Und für den Umgang mit einer religiösen Herausforderung sind die Europäer des Jahres 2010 nicht gut gerüstet. Dies ist die glaubensfernste Region der Welt, eine kühle Zone der Säkularisierung auf einem Globus, der sonst vor frommen Leidenschaften nur so dampft. Das Christentum, die historische Religion Europas, wird weiter millionenfach gelebt, ist aber in der herrschenden Kultur in eine Außenseiterposition geraten. Es wird keineswegs mehr selbstverständlich als die »eigene« Religion Europas akzeptiert oder gar privilegiert. Die Beispiele seiner Ablehnung reichen von der Fluggesellschaft British Airways, die eine Stewardess feuerte, weil sie ihre Halskette mit einem Kreuz nicht ablegen wollte, bis zur Diskussion über die (später gescheiterte) EU-Verfassung, wo der Kampf für eine Erwähnung von Gott oder Christentum von vornherein chancenlos war. Joseph Weiler, der Anwalt der italienischen Schulkreuze, hat das Syndrom als »Christophobie« bezeichnet, als angstvolle Flucht der Europäer vor ihren eigenen christlichen Wurzeln und Prägungen. Man könnte auch von einer Art religiösem Analphabetismus sprechen, von der Unfähigkeit, Glauben und Glaubensleben als legitime Kräfte der Gegenwart zu erkennen und anzuerkennen.
Samstag, 7. August 2010
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2 Kommentare:
Willkommen, ihr Götter!
In diesen vielfältigen, manchmal widersprüchlichen Modellen liegen die Ressourcen an Entspanntheit und Liberalität, die Europa für den Bau seiner religiös pluralistischen Zukunft braucht. Muslimische Kopftuchträgerinnen, die in Frankreich keine Staatsschule besuchen dürfen, finden Asyl in katholischen Privatlehranstalten, wo konfessionell motivierte Bekleidungsformen kein Problem sind – das ist fromme Toleranz (oder tolerante Frömmigkeit), ein Bild für ein religiös buntes Europa. Es ist ein Gegenentwurf zum Laizismus: Glaube und Andersglaube verbünden sich gegen die Glaubensfeindschaft. Es bedeutet aber auch den Abschied vom christlichen Abendland, dem manche Konservative noch immer anhängen mögen: die hergebrachte Religion muss ihren Platz mit der Religion der Zuwanderer teilen. Nur im Zeichen der Gleichberechtigung lässt sich die Rolle des Glaubens im Europa des 21. Jahrhunderts rechtfertigen.
Religionspluralismus ist keine blauäugige Multikulti-Ideologie, keine Selbstentwaffnung im Angesicht der Unduldsamkeit, die es gibt und die man bekämpfen muss. Pluralismus bedeutet freien und fairen Wettbewerb. Seine Spielregeln müssen eingehalten werden. Wer Konvertiten und Abtrünnige bedroht, die zur andersgläubigen oder atheistischen Konkurrenz abgewandert sind, wer Kritik an seinen Religionsprodukten nicht erträgt und die Kritiker einzuschüchtern versucht, der verwirkt das Recht auf Teilnahme an diesem Weltanschauungsmarkt.
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Europa | Religionen | Glaube
Pluralismus ist ein durchaus scharfes Kriterium zur Bestimmung des Europäisch-Seins – auch nach außen hin, wenn es um den Beitritt zur Europäischen Union geht. Dass die Türkei eine muslimische Bevölkerungsmehrheit hat, kann kein Grund sein, ihr die Mitgliedschaft in der EU zu versagen. Aber als Land mit einer staatsideologischen oder religiösen Monokultur, in der Christen oder andere Minderheiten benachteiligt werden, könnte sie nicht in die Union aufgenommen werden. Wo man nicht ohne Schikane eine Kirche bauen oder ein Priesterseminar errichten kann, wird gegen die Prinzipien guten Europäertums verstoßen. Wo man Minarette verbietet, allerdings auch.
Es stimmt: Religion ist gefährlich; in ihrem Namen wurde massenhaft Blut vergossen, von den Kreuzzügen bis zu Ajatollah Chomeini. Insofern haben die Europäer recht, die nach Schutzmauern gegen ein modernes Eiferertum verlangen. Aber diese Schreckensgeschichte ist nicht die ganze Wahrheit über die Religion, nicht einmal über die Rolle der Religion in der Politik. Religion kann auch eine Kraft des Widerstands und der Emanzipation sein, eine Gegen-Macht zu den Herrschaftsansprüchen und dem Konformitätsdruck von Staat oder Gesellschaft.
Es stimmt: Religion ist gefährlich; in ihrem Namen wurde massenhaft Blut vergossen, von den Kreuzzügen bis zu Ajatollah Chomeini. Insofern haben die Europäer recht, die nach Schutzmauern gegen ein modernes Eiferertum verlangen. Aber diese Schreckensgeschichte ist nicht die ganze Wahrheit über die Religion, nicht einmal über die Rolle der Religion in der Politik. Religion kann auch eine Kraft des Widerstands und der Emanzipation sein, eine Gegen-Macht zu den Herrschaftsansprüchen und dem Konformitätsdruck von Staat oder Gesellschaft.
7. August 2010 08:29
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