Samstag, 7. August 2010

Maireder

Im Unterschied zu den "Offline-Gesprächen" findet die Kommunikation im Netz jedoch in (halb-)öffentlichen medialen Räumen statt. Facebook- und Twitternutzer diskutieren Themen innerhalb von je nach Gesprächsverlauf wechselnden Öffentlichkeiten, die sich aus den Beteiligten und deren Kontakten zusammensetzen. Die Themen und Ansichten, mit denen die einzelnen Nutzer konfrontiert werden, können dadurch vielfältiger, der Austausch kann breiter werden - entgegen den vorhandenen Befürchtungen des Rückzugs der Nutzer in persönliche, spezifische Kommunikationsräume.

Weiters bleibt ein Verweis zur ursprünglichen Quelle zumeist vorhanden. Nur einen Klick entfernt dienen Texte, Bilder oder Videos und die mit ihnen verbundenen Intentionen oftmals als direkte Referenzen in den Gesprächen und erhöhen dadurch die Transparenz in der Auseinandersetzung. Die Nutzer eignen sich die journalistischen Produkte dabei insofern an, als sie sie mit eigenen Erfahrungen verschränken oder mit anderen Medieninhalten verknüpfen. Praktiken der Kommentierung und Weiterleitung von Nachrichten sind dabei auch Ausdruck der Identitätsarbeit der Nutzer innerhalb ihrer persönlichen Öffentlichkeiten.

Zudem beteiligen sie sich dadurch an der Distribution der Nachrichten selbst, die auch bei den Medienunternehmen durch steigende Zugriffszahlen auf ihre Artikel nicht unbemerkt bleibt. Bei etlichen redaktionellen Webseiten hat der "Inbound-Traffic" (die eingehenden Besuche) aus Facebook jenen aus Google überholt. So erreichen journalistische Produkte im Umweg über soziale Netzwerke oder Blogs (auch neue) Rezipienten, die zum jeweiligen Bericht den wünschenswertesten Weg gefunden haben, den sich Produktmarketer vorstellen können: die persönliche Empfehlung.

Neben vielem anderen wird das sogenannte "Web 2.0" zunehmend auch zur Artikulation über gesellschaftlich relevanten Themen genutzt, mit dem Potenzial, die Perspektiven ihrer Nutzer zu erweitern. Der Journalismus täte gut daran, seine Rolle nicht im Kontrast zu den neuen Kommunikationsräumen zu suchen, sondern in der intensiven Auseinandersetzung mit ihren Chancen und Herausforderungen. (Axel Maireder, DER STANDARD Printausgabe, 6. Augut 2010)

Axel Maireder ist Mitarbeiter am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien

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