Montag, 31. Mai 2010

IOR

Unter dem Deckmantel der Mildtätigkeit wurden „… als karitative Werke getarnte Geschäfte …“ abgewickelt. Eine Vorgangsweise, die in der katholischen Kirche vermutlich schon lange Praxis ist. An dieser Stelle sei auch auf die kritische Würdigung einer anderen Paradeheiligen verwiesen, die wohl ausreichend Material für ein Buch mit dem Titel „Mutter Teresa AG“ bereithielte. In einem Text auf mutter-teresa.info heißt es: „Interessanterweise legt der Orden seine Finanzen nicht offen, obwohl dies nach indischem Recht für Hilfsorganisationen vorgeschrieben ist. … Das meiste Geld des Ordens landet in Rom, auf einem Konto bei der Vatikanbank. Was auch immer dort damit geschieht – den Armen der Welt kommt es nicht zugute.“

Die in ihrem Kern sicher aufrichtigen Bemühungen karitativer Institutionen sind trotz allem nichts weiter als die größten Marketing-Aufwendungen der katholischen Kirche. Aufwendungen, die oft nicht einmal von der Institution selbst getragen werden. Zum Beispiel sind weniger als 10% des Budgets der Caritas in Österreich über Spenden (inkl. Erbschaften) finanziert, die Kirche selbst leistet einen ebenso geringen Anteil, d. h. weit über 80% der Finanzierung werden durch das säkulare Österreich getragen. Ohne die Leistung derartiger Organisationen schmälern zu wollen, muss an dieser Stelle gefragt werden, ob die Kirche hier nicht über mehr (moralisch) zweckgebundene Mittel verfügt, als sie zugibt. Die Konten des IOR legen das Nahe: „Aber man irrt sich gewaltig , wenn man glaubt, diese Schwestern wären arm wie Kirchenmäuse gewesen. Das Guthaben der Ancelle betrug 55,4 Milliarden Lire, umgerechnet 43,5 Millionen Euro.“ Die humanitäre Vorbereitung auf das Jenseits ist laut Nuzzi ein gutes Geschäft: „Psychiatrische Kliniken und Altenheime waren immer schon hochprofitabel“. Und dennoch investiert die Republik Italien jährlich ca. 9 Milliarden Euro direkt oder indirekt in den Vatikan.

Wusste der Papst davon?

Der Papst wusste von den Vorkommnissen, was selbstverständlich durch Dardozzis Dokumente belegbar ist. Ebenso selbstverständlich schwieg er dazu, wie er es auch bei anderen Anlässen zum Teil in Form von Hirtenbriefen gerne tut (siehe aktuelle Missbrauchsfälle Irland).
Das achte Gebot „Du sollst nicht lügen“ gilt für den Vatikan nicht. Täuschungsmanöver und Vertuschung sind ständige Begleiterscheinungen seiner Geldgeschäfte. „Der Vatikan möchte nicht preisgeben, woher seine Gelder stammen und wohin sie gehen.“ Während auf der einen Seite „akribisch genau die Kosten für das Papier der Sonderbriefmarken beziffert werden“, fehlen andererseits einfach Teile der Bilanzen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Einkünfte landet überhaupt gleich direkt in der Privatschatulle des Papstes. So konnte Papst Johannes Paul II im Jahr 1994 über 166,9 Milliarden Lire frei disponieren. Auch der Peterspfennig (jährliche Kollekte vom 29. Juni) scheint in keinen Bilanzen auf und steht dem Papst persönlich zur Verfügung. Im Jahr 2006 konnte sich Joseph Ratzinger über satte 101,9 Millionen US-Dollar aus dem globalen Klingelbeutel freuen.

Ratzinger wird im Buch übrigens kaum mit einem Wort erwähnt und es ist sehr stark anzunehmen, dass Nuzzi sich hier nicht den Mund verbrennen will, zumal er sicher genug Material hatte ohne auf Verwicklungen des amtierenden Papstes zurückgreifen zu müssen. Und wie der Autor selbst sagt: „Das Buch ist explizit nicht antiklerikal. Ich hätte kein Exemplar von Vatikan AG verkauft, wenn ich dem Vatikan unterstellt hätte, kriminell zu sein.“

Täuschung als Geschäftsgrundlage?

Auch wenn die Machenschaften des IOR vordergründig skandalös erscheinen, wird das eigentliche Problem des Vatikans in Nebensätzen und Fußnoten evident. Hier ist eine Organisation am Werk, die aus der Verkündung absoluter Wahrheiten Lebensvorschriften ableitet, an die sie sich selbst nicht hält. Nichts legt den Schluss nahe, dass das unlautere Geschäftsgebaren der katholischen Kirche sich auf den IOR beschränkt. Die Frage ist vielmehr, ob Lüge und Vertuschung in dieser Organisation nicht systemimmanent sind.

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