Es ist die Tat von Arid U. also eine Ermunterung zu weiteren Attacken. Seit geraumer Zeit versucht AlQaida die Idee des »leaderless jihad« umzusetzen, eines Dschihad ohne Führung. »Wir rufen die Jugend und alle Muslime auf, den individualisierten Widerstand zu wählen, da dieser sich nicht auf hierarchische oder netzwerkartige Strukturen stützt, bei denen die Verhaftung einiger Individuen zur Zerstörung und Verhaftung aller Angehörigen führt«, schrieb einer der Vordenker dieser Kampfmethode, der Syrer Abu Musab as-Suri, bereits 2004 in seiner Dschihadismus-Historie Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand. Ende Februar 2011 rief Ayman al-Zawahiri, einer der führenden Al-Qaida-Köpfe, jeden einzelnen Mudschahedin dazu auf, den Westen anzugreifen, wo immer es gehe.
Wie diese Angriffe, dieser individuelle »Widerstand« praktisch aussehen könnte, das steht unter anderem in einer Internetzeitschrift, die von der Al-Qaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAH) vertrieben wird. Das Onlinemagazin Inspire , aufgemacht wie ein westliches Hochglanzheft, ist mittlerweile in vier Ausgaben erschienen, ganz auf Englisch und im Internet herunterzuladen. Attentäter werden dort aufgefordert, in Washington zur Mittagszeit Restaurants im Regierungsviertel zu stürmen (»Sie erwischen immer jemanden!«) oder mit einem Jeep, an dessen Seiten in Hüfthöhe Messer angebracht sind, zur Einkaufszeit durch eine Fußgängerzone zu rasen (»Die ultimative Mähmaschine«). In der aktuellen Ausgabe von Inspire wird über drei Seiten lang minutiös erklärt, wie man ein Gebäude mit Gas in die Luft sprengt. Am Ende ergeht der Ratschlag: »Versuchen Sie, die Explosion wie einen Unfall aussehen zu lassen.«
Die schnelle Radikalisierung des » instant mujahedin«, der auf eigene Faust loszieht, führte bisher oft dazu, dass derartige Attentatsversuche am Unvermögen scheiterten, wie etwa bei den sogenannten »Kofferbombern«. Zwei Studenten wollten ihre Sprengsätze in Regionalzügen zünden, hatten sie aber zu »fett« gebaut: es fehlte Sauerstoff zur Zündung, er gelangte nicht an den Sprengstoff Doch für echte Glaubenskämpfer der Internetgeneration zählt nicht die Qualität, sondern die Quantität der Terrorversuche. Man verfolgt eine Art Nadelstichtaktik. »Ihr müsst immer Glück haben, wir nur einmal« – diese berühmte Terrordrohung, die der IRA zugeschrieben wird, könnte genauso gut von den modernen Dschihadisten erfunden worden sein.
Ihre Einzeltätertaktik ist übrigens auch aus der Not geboren: Nicht wenige Experten trauen alQaida keine großen Anschläge im Stil von 9/11 mehr zu. Besonders der sogenannte Kern des Netzwerks, der im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vermutet wird, gilt als geschwächt und vor lauter Selbstschutz-Maßnahmen nicht mehr in der Lage, aufwendige Operationen zu orchestrieren.
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Die Konsequenzen aus der Tat von Frankfurt sind für die deutschen Sicherheitsbehörden – und damit auch für den neuen Innenminister, der sein Amt an dem Tag antrat, an dem das erste islamistisch motivierte Attentat in Deutschland gelang – weitreichender, als bisher diskutiert wird. Tatsache ist: Im demokratischen Rechtsstaat sind derartige religiöse »Turbo-Radikalisierungen« kaum zu verhindern, ohne große Teile der muslimischen Bevölkerung unter Pauschalverdacht zu stellen. Damit die Polizei islamistische Attentatspläne rechtzeitig entdeckt, müssen die Täter miteinander über ihre Pläne kommunizieren. Wer aber allein handelt, der plant auch allein. Dass es nahezu aussichtslos ist, das Risiko zu eliminieren, das von solchen Einzeltätern ausgeht – diese bittere Wahrheit offen auszusprechen, wäre Aufgabe des neuen Ministers.
Wenn die Polizei nicht helfen kann, was hilft aber dann? Alle Websites der Islamisten zu zerstören, um ihre weltweite Präsenz zu unterbinden scheint derzeit unmöglich. Die Behörden könnten jedoch stärker als bisher in den virtuellen Dschihad eingreifen. »Beobachten, reduzieren, infiltrieren«, das schlägt der Internetexperte Asiem el Difraoui vor. Mit »infiltrieren« ist neben Desinformation auch die diskursive Auseinandersetzung gemeint. Außerdem müsse die Anzahl populärer Websites reduziert werden, um den Zugriff zu erschweren und gleichzeitig die Energien und Ressourcen der Propagandisten des Dschihads zu binden. Am effektivsten aber wäre, religiöse Autoritäten für die Auseinandersetzung mit den Internet-Islamisten zu gewinnen, um die islamistischen Argumente zu entkräften. »In unseren Nachbarländern«, sagt el Difraoui, »prägen freiheitlich gesinnte muslimische Intellektuelle bereits heute Debatten, durch die sie den Dschihadisten im Kampf um die Herzen den Rang ablaufen.«
1. It works!
Die traurige Realität ist, diese neue asymmetrische Art der Kriegsführung funktioniert. Sekten, Faschisten, oder Kommunisten rotten sich immer zusammen, um die Freiheit zu bedrohen.
Hier wird das Individuum zum Schrecken der Gesellschaft.
Bei diesem Theme kann weder mit Bildung, Wohlstand, oder Integration, oder sonst etwas gegengesteuert werden. Der Glaube führt diese Maßnahmen ad absurdum.
In dieser Realität anzukommen, und daraus Konsequenzen zu ziehen, wird noch eine sehr langer und blutiger Weg.
Zu jeder Zeit, in jedem Nest, kann sich ein "Rechtgläubiger" berufen fühlen, den Feind auszurotten. Der Nachbar von nebenan, dreht dann einfach mal durch. Wie vor kurzem in Deutschland geschehen.
Es sind nicht nur Einzeltäter, es ist ein diffus organisiertes Millieu, wie der Artikel schon andeutet.
Und damit wird es noch schwieriger. Die Einzelperson hat damit nicht unmittelbar ein direktes Umfeld, das im Vorfeld zu orten wäre, sondern Planer und Ausführer können unabhängig voneinander sein und sich erst recht kurzfristig vor der Tat begegnen.
Werden die "ausführenden Organe" erst nach ihrer Radikalisierung relativ kurzfristig kontaktet, wenn sie "reif" sind, ist das äusserst schwer oder gar nicht nachzuvollziehen. Folglich bleibt die Weste des "Ausführenden" bis zum letzten Moment "sauber", während Knowhow und Nachschubwege des Organisators geschützt bleiben.
So jedenfalls sollen Selbstmordanschläge im Irak vorbereitet worden sein und es besteht Grund zu der Annahme, dass diese Taktik den Weg nach Europa bereits gefunden hat.
Freitag, 22. April 2011
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