Sonntag, 25. April 2010
Donnerstag, 22. April 2010
Himmelsreise
Necla Kelek wurde in Istanbul geboren, in Deutschland hat sie Volkswirtschaft und Soziologie studiert und über das Thema "Islam im Alltag" promoviert. Wir müssen den Glauben von seinem patriarchalischen Missbrauch befreien, lautet Necla Keleks Motto.
"Ich lass mir von diesen Islamwächtern und von diesen organisierten Wächtern meinen Allah nicht nehmen", sagt Necla Kelek. Die Islamwächter, das sind für die in Berlin lebende Autorin jene Vertreter muslimischer Verbände, die den traditionalistischen Islam in Deutschland vertreten.
In ihrem 2005 erschienenen Buch "Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland" setzte sich Kelek kritisch mit der in muslimischen Gesellschaften praktizierten Zwangsheirat auseinander. Jetzt, in ihrem neuen Buch "Himmelsreise", untersucht die Autorin die Macht des Islam als kulturelle und politische Institution in Deutschland.
"Gesellschaftsmodell" Islam
Der Buchtitel bezieht sich auf eine visionäre Reise des Religionsgründers Mohammed. Auf ihrer eigenen Himmelsreise zeichnet Necla Kelek auf 250 Buchseiten die Geschichte des Islam nach, besucht deutsche Moscheen, schildert Streitgespräche mit Glaubensvertretern und anderen Islamwächtern - und sucht nach Erklärungen, warum sich viele muslimische Migranten mit der Integration in die westliche Gesellschaft so schwer tun.
"Ein Grund ist, dass der Islam als Religion eine Institution ist, ein Gesellschaftsmodell ist", meint Kelek. "Die, die Glauben leben wollen, können sich nicht einer freien Gesellschaft anpassen, weil Islam sagt ganz klar: Der Mensch ist dafür da, dass er Allahs Gesetze befolgt und für das Jenseits vorbereitet wird."
Kontrolle von außen
Seit vor fast eintausend Jahren jegliche Kritik aus dem islamischen Denken verbannt wurde, hindere die muslimische Gesellschaft sich selbst am Fortschritt, meint Necla Kelek. Eine kritische Islamwissenschaft sei bis heute undenkbar.
Die Religion sagt, der Mensch müsse von außen kontrolliert werden, so Kelek. Dadurch sei der Mensch auch für nichts verantwortlich. "Das hat sich so durchgesetzt über die Jahrhunderte."
Strikte Unterwerfung
Im Gegensatz zu vielen anderen Religionen habe der Islam seine archaischen Wurzeln noch nicht überwunden, bedauert die Autorin. Nach wie vor fordere der Glaube eine strikte Unterwerfung - der Koran gilt Gläubigen als unfehlbares Wort Gottes.
In einer freien Bürgergesellschaft wie der deutschen müsse es aber erlaubt sein, Fragen zu stellen, fordert Necla Kelek. Auch die Schriften des Islam sollen einer theologischen und historischen Interpretation unterzogen werden.
"Wir müssen das Buch als historisches Buch, als Literatur betrachten", meint Kelek. Man müsse doch das Recht haben, Fragen zu stellen, zum Beispiel: Warum müssen Frauen noch ein Kopftuch tragen? Im Koran gebe es keine Quellen dazu, aber das Strafgesetz schreibe vor, dass Frauen, die kein Kopftuch tragen, bestraft werden.
Hierarchischer Respekt
Anhand von eindrücklichen Milieustudien türkischer Gemeinden in Deutschland veranschaulicht Necla Kelek, wie sehr sich die muslimische Alltagskultur von der westlichen unterscheidet. Begriffe wie Freiheit, Ehre oder Respekt etwa werden in der islamischen Tradition völlig anders interpretiert als in der deutschen Kultur.
"Respekt ist hierarchisch zu verstehen in dieser islamischen Struktur", so Kelek. "Das geht bis nach oben, bis Allah. (...) Ich darf meine Überväter nicht infrage stellen. Das fängt mit Allah an, dem Propheten, Attatürk, Erdogan, die Nachbarn, Vater, Bruder, Onkel... Überväter im Kopf, die ich nicht infrage zu stellen habe – und wenn, bin ich respektlos."
Kritisiert für Kritik
Ein Großteil der über vier Millionen Muslime in Deutschland sei gut integriert, betont die Autorin immer wieder. Sie kritisiere nur jene Glaubensvertreter, die im Namen von kultureller Tradition und Glaubensfreiheit das deutsche Grundgesetz mit Füßen treten, speziell wenn es um Frauenrechte geht. In "Himmelsreise" kommt Necla Kelek zum Schluss, dass der traditionalistische Islam schlicht undemokratisch sei und sich folglich auch nicht in die europäische Kultur integrieren lässt.
Kein Wunder, dass die türkisch-deutsche Soziologin mit dieser Einschätzung bei vielen Vertretern von Islamverbänden aneckt. Aber auch wohlmeinende Anhänger einer aufgeklärten Multi-Kulti-Front sehen in ihr eine Nestbeschmutzerin. Im deutschen Feuilleton wurde Kelek sogar das Attribut "Hasspredigerin" umgehängt.
"Also wenn ich sage, ich kritisiere den Islam, dann meinen sogar die Deutschen, ich würde die Muslimen kritisieren", so Kelek. "Aber der Islam ist kein Mensch, er ist eine Religion. Hier in diesem Land ist Religionskritik nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht."
Warnung vor Rechtspopulisten
"Himmelsreise" ist ein provokantes Buch, das nicht allen gefallen wird. Und auch nicht allen gefallen will. Es wendet sich an all jene, die in ihrem Berufsalltag mit muslimischen Migranten zu tun haben, aber auch an diese Migranten selbst.
Ihr habt nichts zu verlieren außer der Scharia, ruft Necla Kelek allen Muslimen am Ende ihres Buches zu. Eindeutig ist auch ihre Botschaft an jene Politiker, die laut Kelek eher bereit wären, die Verfassung zu ignorieren, als sich den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit machen zu lassen.
Die bürgerliche Gesellschaft hätte sich des Themas schon früher annehmen müssen, meint Kelek, damit die Immigranten in dieser demokratischen Gesellschaft "als freie Bürger ankommen. Wenn sie das nicht tun, werden das die Rechtspopulisten nützen, um Stimmung gegen diese Bevölkerungsgruppe zu machen. Das macht mir Angst, alle haben dann verloren, ich, die Muslime, aber auch die Bürgergesellschaft."
"Ich lass mir von diesen Islamwächtern und von diesen organisierten Wächtern meinen Allah nicht nehmen", sagt Necla Kelek. Die Islamwächter, das sind für die in Berlin lebende Autorin jene Vertreter muslimischer Verbände, die den traditionalistischen Islam in Deutschland vertreten.
In ihrem 2005 erschienenen Buch "Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland" setzte sich Kelek kritisch mit der in muslimischen Gesellschaften praktizierten Zwangsheirat auseinander. Jetzt, in ihrem neuen Buch "Himmelsreise", untersucht die Autorin die Macht des Islam als kulturelle und politische Institution in Deutschland.
"Gesellschaftsmodell" Islam
Der Buchtitel bezieht sich auf eine visionäre Reise des Religionsgründers Mohammed. Auf ihrer eigenen Himmelsreise zeichnet Necla Kelek auf 250 Buchseiten die Geschichte des Islam nach, besucht deutsche Moscheen, schildert Streitgespräche mit Glaubensvertretern und anderen Islamwächtern - und sucht nach Erklärungen, warum sich viele muslimische Migranten mit der Integration in die westliche Gesellschaft so schwer tun.
"Ein Grund ist, dass der Islam als Religion eine Institution ist, ein Gesellschaftsmodell ist", meint Kelek. "Die, die Glauben leben wollen, können sich nicht einer freien Gesellschaft anpassen, weil Islam sagt ganz klar: Der Mensch ist dafür da, dass er Allahs Gesetze befolgt und für das Jenseits vorbereitet wird."
Kontrolle von außen
Seit vor fast eintausend Jahren jegliche Kritik aus dem islamischen Denken verbannt wurde, hindere die muslimische Gesellschaft sich selbst am Fortschritt, meint Necla Kelek. Eine kritische Islamwissenschaft sei bis heute undenkbar.
Die Religion sagt, der Mensch müsse von außen kontrolliert werden, so Kelek. Dadurch sei der Mensch auch für nichts verantwortlich. "Das hat sich so durchgesetzt über die Jahrhunderte."
Strikte Unterwerfung
Im Gegensatz zu vielen anderen Religionen habe der Islam seine archaischen Wurzeln noch nicht überwunden, bedauert die Autorin. Nach wie vor fordere der Glaube eine strikte Unterwerfung - der Koran gilt Gläubigen als unfehlbares Wort Gottes.
In einer freien Bürgergesellschaft wie der deutschen müsse es aber erlaubt sein, Fragen zu stellen, fordert Necla Kelek. Auch die Schriften des Islam sollen einer theologischen und historischen Interpretation unterzogen werden.
"Wir müssen das Buch als historisches Buch, als Literatur betrachten", meint Kelek. Man müsse doch das Recht haben, Fragen zu stellen, zum Beispiel: Warum müssen Frauen noch ein Kopftuch tragen? Im Koran gebe es keine Quellen dazu, aber das Strafgesetz schreibe vor, dass Frauen, die kein Kopftuch tragen, bestraft werden.
Hierarchischer Respekt
Anhand von eindrücklichen Milieustudien türkischer Gemeinden in Deutschland veranschaulicht Necla Kelek, wie sehr sich die muslimische Alltagskultur von der westlichen unterscheidet. Begriffe wie Freiheit, Ehre oder Respekt etwa werden in der islamischen Tradition völlig anders interpretiert als in der deutschen Kultur.
"Respekt ist hierarchisch zu verstehen in dieser islamischen Struktur", so Kelek. "Das geht bis nach oben, bis Allah. (...) Ich darf meine Überväter nicht infrage stellen. Das fängt mit Allah an, dem Propheten, Attatürk, Erdogan, die Nachbarn, Vater, Bruder, Onkel... Überväter im Kopf, die ich nicht infrage zu stellen habe – und wenn, bin ich respektlos."
Kritisiert für Kritik
Ein Großteil der über vier Millionen Muslime in Deutschland sei gut integriert, betont die Autorin immer wieder. Sie kritisiere nur jene Glaubensvertreter, die im Namen von kultureller Tradition und Glaubensfreiheit das deutsche Grundgesetz mit Füßen treten, speziell wenn es um Frauenrechte geht. In "Himmelsreise" kommt Necla Kelek zum Schluss, dass der traditionalistische Islam schlicht undemokratisch sei und sich folglich auch nicht in die europäische Kultur integrieren lässt.
Kein Wunder, dass die türkisch-deutsche Soziologin mit dieser Einschätzung bei vielen Vertretern von Islamverbänden aneckt. Aber auch wohlmeinende Anhänger einer aufgeklärten Multi-Kulti-Front sehen in ihr eine Nestbeschmutzerin. Im deutschen Feuilleton wurde Kelek sogar das Attribut "Hasspredigerin" umgehängt.
"Also wenn ich sage, ich kritisiere den Islam, dann meinen sogar die Deutschen, ich würde die Muslimen kritisieren", so Kelek. "Aber der Islam ist kein Mensch, er ist eine Religion. Hier in diesem Land ist Religionskritik nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht."
Warnung vor Rechtspopulisten
"Himmelsreise" ist ein provokantes Buch, das nicht allen gefallen wird. Und auch nicht allen gefallen will. Es wendet sich an all jene, die in ihrem Berufsalltag mit muslimischen Migranten zu tun haben, aber auch an diese Migranten selbst.
Ihr habt nichts zu verlieren außer der Scharia, ruft Necla Kelek allen Muslimen am Ende ihres Buches zu. Eindeutig ist auch ihre Botschaft an jene Politiker, die laut Kelek eher bereit wären, die Verfassung zu ignorieren, als sich den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit machen zu lassen.
Die bürgerliche Gesellschaft hätte sich des Themas schon früher annehmen müssen, meint Kelek, damit die Immigranten in dieser demokratischen Gesellschaft "als freie Bürger ankommen. Wenn sie das nicht tun, werden das die Rechtspopulisten nützen, um Stimmung gegen diese Bevölkerungsgruppe zu machen. Das macht mir Angst, alle haben dann verloren, ich, die Muslime, aber auch die Bürgergesellschaft."
Samstag, 17. April 2010
Küng
Ich möchte Ihnen nur sechs Vorschläge machen, von denen ich überzeugt bin, dass sie von Millionen von Katholiken, die keine Stimme haben, mitgetragen werden:
1. Nicht schweigen: Durch Schweigen machen Sie sich angesichts so vieler schwerer Missstände mitschuldig. Vielmehr sollten Sie dort, wo Sie bestimmte Gesetze, Anordnungen und Maßnahmen für kontraproduktiv halten, dies auch in aller Öffentlichkeit sagen. Schicken Sie keine Ergebenheitsadressen nach Rom, sondern Reformforderungen!
2. Reformen anpacken: So viele in Kirche und Episkopat klagen über Rom, ohne selber etwas zu tun. Aber wenn heute in einer Diözese oder Gemeinde der Gottesdienst nicht mehr besucht, die Seelsorge wirkungsarm, die Offenheit gegenüber den Nöten der Welt beschränkt, die ökumenische Zusammenarbeit minimal ist, dann kann die Schuld nicht einfach auf Rom abgeschoben werden. Ob Bischof, Priester oder Laie - jeder tue selber etwas für die Erneuerung der Kirche in seinem größeren oder kleineren Lebensbereich. Viel Großes in den Gemeinden und in der gesamten Kirche ist durch die Initiative Einzelner oder kleiner Gruppen in Gang gekommen. Als Bischof sollten Sie solche Initiativen unterstützen und fördern und gerade jetzt auf die berechtigten Klagen der Gläubigen eingehen.
3. In Kollegialität vorgehen: Das Konzil hat nach heftiger Debatte und gegen anhaltende kuriale Opposition die Kollegialität von Papst und Bischöfen dekretiert - im Sinn der Apostelgeschichte, wo Petrus auch nicht ohne das Apostelkollegium tätig war. Aber Päpste und Kurie haben in der nachkonziliaren Zeit diese zentrale Konzilsentscheidung ignoriert. Seit Papst Paul VI. schon zwei Jahre nach dem Konzil - ohne jegliche Beratung mit dem Episkopat - eine Enzyklika zur Verteidigung des umstrittenen Zölibatsgesetzes veröffentlicht hatte, wurde wieder im alten unkollegialen Stil päpstliches Lehramt und Politik betrieben. Bis hinein in die Liturgie präsentiert sich der Papst als Autokrat, gegenüber dem die Bischöfe, mit denen er sich gerne umgibt, wie Statisten ohne Recht und Stimme wirken. Deshalb sollten Sie, verehrte Bischöfe, nicht nur als Einzelne handeln, sondern in Gemeinschaft mit den anderen Bischöfen, den Priestern und dem Kirchenvolk, Männern und Frauen.
Gehorsam ist Gott allein geschuldet
4. Uneingeschränkter Gehorsam allein Gott geschuldet: Sie alle haben in der feierlichen Bischofsweihe einen uneingeschränkten Gehorsamseid gegenüber dem Papst abgelegt. Aber Sie wissen auch, dass uneingeschränkter Gehorsam nie einer menschlichen Autorität, sondern Gott allein geschuldet ist. Sie dürfen sich deshalb durch Ihren Eid nicht gehindert sehen, die Wahrheit zu sagen über die gegenwärtige Krise der Kirche, Ihrer Diözese und Ihres Landes. Ganz nach dem Beispiel des Apostels Paulus, der dem Petrus "ins Angesicht widerstand, weil er sich selber ins Unrecht gesetzt hatte" (Gal 2,11)! Ein Druck auf die römischen Autoritäten im Geist christlicher Brüderlichkeit kann legitim sein, wo diese dem Geist des Evangeliums und ihrem Auftrag nicht entsprechen. Volkssprache in der Liturgie, Änderung der Mischehenbestimmungen, Bejahung von Toleranz, Demokratie, Menschenrechten, ökumenische Verständigung und so vieles ist nur durch beharrlichen Druck von unten erreicht worden.
5. Regionale Lösungen anstreben: Im Vatikan stellt man sich oft taub gegenüber berechtigten Forderungen aus Episkopat, Priesterschaft und Laienschaft. Umso mehr müssten in kluger Weise regionale Lösungen angestrebt werden. Ein besonders heikles Problem, das wissen Sie, ist das aus dem Mittelalter stammende Zölibatsgesetz, das gerade im Kontext der Missbrauchsskandale zu Recht weltweit in Frage gestellt wird. Eine Änderung gegen den Willen Roms scheint beinahe unmöglich. Trotzdem ist man nicht zur Passivität verurteilt: Ein Priester, der nach reiflicher Überlegung zu heiraten gedenkt, müsste nicht automatisch von seinem Amt zurücktreten, wenn Bischof und Gemeinde hinter ihm stehen. Einzelne Bischofskonferenzen könnten mit einer regionalen Lösung vorangehen. Aber besser wäre es, eine gesamtkirchliche Lösung anzustreben. Deshalb:
6. Ein Konzil fordern: Wie es zur Realisierung von Liturgiereform, Religionsfreiheit, Ökumene und interreligiösem Dialog eines Ökumenischen Konzils bedurfte, so auch zur Lösung der jetzt dramatisch aufgebrochenen Reformprobleme. Das Reformkonzil von Konstanz im Jahrhundert vor der Reformation hat die Abhaltung von Konzilien für alle fünf Jahre beschlossen, was aber von der Römischen Kurie unterlaufen wurde. Zweifellos wird diese auch jetzt alles tun, um ein Konzil, von dem sie eine Beschränkung ihrer Macht befürchten muss, zu verhindern. Es liegt in Ihrer aller Verantwortung, ein Konzil oder wenigstens eine repräsentative Bischofsversammlung durchzusetzen.
Ehrlicher Umgang mit den Problemen
Dies ist angesichts einer Kirche in der Krise mein Aufruf an Sie, verehrte Bischöfe, Ihre durch das Konzil wieder aufgewertete bischöfliche Autorität in die Waagschale zu werfen. Die Augen der Welt sind in dieser notvollen Situation auf Sie gerichtet. Ungezählte Menschen haben das Vertrauen in die katholische Kirche verloren. Nur ein offener und ehrlicher Umgang mit den Problemen und konsequente Reformen können helfen, dieses Vertrauen wiederzugewinnen. Ich bitte Sie in allem Respekt, das Ihre beizutragen, womöglich in Zusammenarbeit mit Ihren Mitbischöfen, notfalls aber auch in apostolischem "Freimut" (Apg 4,29.31) allein. Geben Sie Ihren Gläubigen Zeichen der Hoffnung und Ermutigung und unserer Kirche eine Perspektive.
Es grüßt Sie in der Gemeinschaft des christlichen Glaubens
Ihr Hans Küng
Dieser offene Brief des Theologen Hans Küng erscheint ebenfalls in der Neuen Zürcher Zeitung, in La Repubblica, El País, Le Monde und im Vertrieb der New York Times Syndication.
1. Nicht schweigen: Durch Schweigen machen Sie sich angesichts so vieler schwerer Missstände mitschuldig. Vielmehr sollten Sie dort, wo Sie bestimmte Gesetze, Anordnungen und Maßnahmen für kontraproduktiv halten, dies auch in aller Öffentlichkeit sagen. Schicken Sie keine Ergebenheitsadressen nach Rom, sondern Reformforderungen!
2. Reformen anpacken: So viele in Kirche und Episkopat klagen über Rom, ohne selber etwas zu tun. Aber wenn heute in einer Diözese oder Gemeinde der Gottesdienst nicht mehr besucht, die Seelsorge wirkungsarm, die Offenheit gegenüber den Nöten der Welt beschränkt, die ökumenische Zusammenarbeit minimal ist, dann kann die Schuld nicht einfach auf Rom abgeschoben werden. Ob Bischof, Priester oder Laie - jeder tue selber etwas für die Erneuerung der Kirche in seinem größeren oder kleineren Lebensbereich. Viel Großes in den Gemeinden und in der gesamten Kirche ist durch die Initiative Einzelner oder kleiner Gruppen in Gang gekommen. Als Bischof sollten Sie solche Initiativen unterstützen und fördern und gerade jetzt auf die berechtigten Klagen der Gläubigen eingehen.
3. In Kollegialität vorgehen: Das Konzil hat nach heftiger Debatte und gegen anhaltende kuriale Opposition die Kollegialität von Papst und Bischöfen dekretiert - im Sinn der Apostelgeschichte, wo Petrus auch nicht ohne das Apostelkollegium tätig war. Aber Päpste und Kurie haben in der nachkonziliaren Zeit diese zentrale Konzilsentscheidung ignoriert. Seit Papst Paul VI. schon zwei Jahre nach dem Konzil - ohne jegliche Beratung mit dem Episkopat - eine Enzyklika zur Verteidigung des umstrittenen Zölibatsgesetzes veröffentlicht hatte, wurde wieder im alten unkollegialen Stil päpstliches Lehramt und Politik betrieben. Bis hinein in die Liturgie präsentiert sich der Papst als Autokrat, gegenüber dem die Bischöfe, mit denen er sich gerne umgibt, wie Statisten ohne Recht und Stimme wirken. Deshalb sollten Sie, verehrte Bischöfe, nicht nur als Einzelne handeln, sondern in Gemeinschaft mit den anderen Bischöfen, den Priestern und dem Kirchenvolk, Männern und Frauen.
Gehorsam ist Gott allein geschuldet
4. Uneingeschränkter Gehorsam allein Gott geschuldet: Sie alle haben in der feierlichen Bischofsweihe einen uneingeschränkten Gehorsamseid gegenüber dem Papst abgelegt. Aber Sie wissen auch, dass uneingeschränkter Gehorsam nie einer menschlichen Autorität, sondern Gott allein geschuldet ist. Sie dürfen sich deshalb durch Ihren Eid nicht gehindert sehen, die Wahrheit zu sagen über die gegenwärtige Krise der Kirche, Ihrer Diözese und Ihres Landes. Ganz nach dem Beispiel des Apostels Paulus, der dem Petrus "ins Angesicht widerstand, weil er sich selber ins Unrecht gesetzt hatte" (Gal 2,11)! Ein Druck auf die römischen Autoritäten im Geist christlicher Brüderlichkeit kann legitim sein, wo diese dem Geist des Evangeliums und ihrem Auftrag nicht entsprechen. Volkssprache in der Liturgie, Änderung der Mischehenbestimmungen, Bejahung von Toleranz, Demokratie, Menschenrechten, ökumenische Verständigung und so vieles ist nur durch beharrlichen Druck von unten erreicht worden.
5. Regionale Lösungen anstreben: Im Vatikan stellt man sich oft taub gegenüber berechtigten Forderungen aus Episkopat, Priesterschaft und Laienschaft. Umso mehr müssten in kluger Weise regionale Lösungen angestrebt werden. Ein besonders heikles Problem, das wissen Sie, ist das aus dem Mittelalter stammende Zölibatsgesetz, das gerade im Kontext der Missbrauchsskandale zu Recht weltweit in Frage gestellt wird. Eine Änderung gegen den Willen Roms scheint beinahe unmöglich. Trotzdem ist man nicht zur Passivität verurteilt: Ein Priester, der nach reiflicher Überlegung zu heiraten gedenkt, müsste nicht automatisch von seinem Amt zurücktreten, wenn Bischof und Gemeinde hinter ihm stehen. Einzelne Bischofskonferenzen könnten mit einer regionalen Lösung vorangehen. Aber besser wäre es, eine gesamtkirchliche Lösung anzustreben. Deshalb:
6. Ein Konzil fordern: Wie es zur Realisierung von Liturgiereform, Religionsfreiheit, Ökumene und interreligiösem Dialog eines Ökumenischen Konzils bedurfte, so auch zur Lösung der jetzt dramatisch aufgebrochenen Reformprobleme. Das Reformkonzil von Konstanz im Jahrhundert vor der Reformation hat die Abhaltung von Konzilien für alle fünf Jahre beschlossen, was aber von der Römischen Kurie unterlaufen wurde. Zweifellos wird diese auch jetzt alles tun, um ein Konzil, von dem sie eine Beschränkung ihrer Macht befürchten muss, zu verhindern. Es liegt in Ihrer aller Verantwortung, ein Konzil oder wenigstens eine repräsentative Bischofsversammlung durchzusetzen.
Ehrlicher Umgang mit den Problemen
Dies ist angesichts einer Kirche in der Krise mein Aufruf an Sie, verehrte Bischöfe, Ihre durch das Konzil wieder aufgewertete bischöfliche Autorität in die Waagschale zu werfen. Die Augen der Welt sind in dieser notvollen Situation auf Sie gerichtet. Ungezählte Menschen haben das Vertrauen in die katholische Kirche verloren. Nur ein offener und ehrlicher Umgang mit den Problemen und konsequente Reformen können helfen, dieses Vertrauen wiederzugewinnen. Ich bitte Sie in allem Respekt, das Ihre beizutragen, womöglich in Zusammenarbeit mit Ihren Mitbischöfen, notfalls aber auch in apostolischem "Freimut" (Apg 4,29.31) allein. Geben Sie Ihren Gläubigen Zeichen der Hoffnung und Ermutigung und unserer Kirche eine Perspektive.
Es grüßt Sie in der Gemeinschaft des christlichen Glaubens
Ihr Hans Küng
Dieser offene Brief des Theologen Hans Küng erscheint ebenfalls in der Neuen Zürcher Zeitung, in La Repubblica, El País, Le Monde und im Vertrieb der New York Times Syndication.
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